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Worum geht es?

Im September 2011 bin ich zum Studium nach Bonn gezogen. Zwar bin ich ständige sexualisierte Anmache im öffentlichen Raum auch schon vorher gewohnt gewesen, dennoch blicke ich nun nach wenigen Monaten schon auf viele Erfahrungen frauenfeindlicher Übergriffe in Bonn zurück. Ich denke, dass es einen Zusammenhang zwischen meinem Äußeren und der Häufigkeit der Angriffe gibt, weil ich seit einiger Zeit femininer als früher auftrete und vermutlich näher am Schönheitsideal heterosexueller Männer bin, als ich es noch vor einiger Zeit war. Eine Option wäre also gewesen, die Häufigkeit der Angriffe zu reduzieren indem ich meine Kleidung anpasse, um nicht mehr betroffen zu sein. Ich will mir aber von niemandem diktieren lassen, wie ich mich kleide. Mit der Zeit stieg die Wut immer mehr, bis ich mich im Februar 2012 dazu entschloss, die Übergriffe zu dokumentieren. Ich möchte so eben dieser Wut ein Ventil geben und gegen die Vereinzelungserfahrung der Frauen anschreiben, deren Betroffenheit so regelmäßig ist, dass sie aufgehört haben darüber zu reden. Ich glaube, in dieser Stadt leben tausende von Frauen, deren Alltag wie meiner geprägt ist von der ständigen Bedrohung; nur, weil sie Frauen sind. Darüber hinaus verstehe ich mich solidarisch mit allen anderen, die ähnliche Erfahrungen machen: weil sie keine weiße Hautfarbe haben, weil sie nicht heterosexuell sind oder aussehen, weil sie von der geschlechtlichen Norm abweichen oder weil sie den Schönheits- oder Coolnessdiktaten nicht genügen.

Meine Dokumentationen enthalten Einschätzungen und Interpretationen. Ich bin bemüht, diese so spärlich wie möglich einzusetzen, glaube aber, dass ich einer opferfeindlichen Lesehaltung („Das war doch garnicht so gemeint von dem!“ oder „Du provozierst es ja auch!“) an manchen Stellen entgegentreten muss. Ich dokumentiere mein Verhalten/meine Reaktionen nur insofern sie für die Nachvollziehbarkeit des weiteren Verhaltens der Täter nötig ist. Ich interpretiere Drohungen mit penetrativem Gehalt offensiv als Vergewaltigungsphantasie und -drohung, auch wenn mir bewusst ist, dass sie in den allermeisten Fällen keine unmittelbare Gefahr einer tatsächlichen Vergewaltigung für mich bedeuten. Sie dokumentieren aber die Affinität der Täter, ihre Machtposition auch durch uneinvernehmliche Penetration („Ich fick dich!“) – das bedeutet Vergewaltigung – bzw. durch ihre Androhung durchzusetzen. Statistisch betrachtet werden Frauen in den allermeisten Fällen nicht in der Öffentlichkeit vergewaltigt, sondern durch ihren eigenen (Ex-)Partner. Ich denke zwischen der Vergewaltigungsdrohung in der Öffentlichkeit und der tatsächlichen Vergewaltigung im Privaten besteht, als Strategie der Durchsetzung von Macht, ein direkter Zusammenhang; den Tätern, die fremden Frauen in der Öffentlichkeit mit Vergewaltigung drohen, sollten keine Hemnisse unterstellt werden, ihre sexuelle Macht gegen ihre Beziehungspartnerinnen genau so durchzusetzen.

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